Die kreative Stadt

Das ist es, was La Strada will, den Menschen einen neuen Blickwinkel auf ihre Stadt und ihre alltägliche Umgebung zu ermöglichen, auf den Stadtkern, das historische Zentrum und nicht zuletzt auf unentdecktes in den städtischen Randzonen.

 

Mit dem Start des Festivals im Jahr 1998 galt es, professionelle Straßenkunst und Figurentheater der Öffentlichkeit näher zu bringen – Kunstformen, die bis dahin in Österreich eher unbekannt waren.
Theater im Öffentlichen Raum ist keine neue Idee. Es ist sogar die Basis für unser heutiges abendländisches Theaterverständnis. Schon in der griechischen Antike wurden für die „Polis“ Theaterspiele unter freiem Himmel gezeigt. Bereits die mittelalterlichen Wander- und Straßentheater verließen sich weniger auf genau einstudierte Inszenierungen als auf die kreativen Kräfte, die durch Improvisation zustande kommen. Im 18. Jahrhundert verlor diese Form des Volkstheaters allmählich an Bedeutung und zu Beginn des 19. Jahrhunderts fanden die Theatervorstellungen mehr und mehr in feststehenden Häusern statt.

Zu Beginn der 1960er-Jahre des vorigen Jahrhunderts fanden die ersten Happenings statt, eine von Allan Kaprow propagierte Kunstform, die durch die Verbindung von Theater und Bildender Kunst entstand und die herkömmliche Grenze zwischen Performern und Publikum aufhob. Seit den 80er Jahren erlebt das moderne Straßentheater weltweit eine wahre Hochblüte und heute ist das Theater im Öffentlichen Raum ein Teil des zeitgenössischen Theaters geworden, das sich durch Experimentierfreudigkeit und die ungebrochene Lust und Neugier nach innovativen und unkonventionellen Performances auszeichnet.

Zeitgemäße Straßenkunst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten also neu etabliert und spannt einen ästhetischen und reflexiven Rahmen auf. Antworten auf drängende Fragen der Gegenwart zu Themen wie Migration und Globalisierung, Konsum, Energie und Verkehr unter Berücksichtigung ihrer Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen, werden gefunden. Die Künstler erzählen von urbaner Veränderung, von fluiden Beziehungssystemen, vom Überschreiten und vom Auflösen von Grenzen und suchen dafür nach zeitgemäßen Ausdrucksformen – dies oft in direkter Zusammenarbeit und im Austausch mit der Bevölkerung. Fragen der Koexistenz und Kooperation, der Migration und Integration werden auf performativer Ebene mit hoher Intensität und intellektueller Konsequenz behandelt. Dabei geht es nicht um eindeutige künstlerische Aussagen, sondern um die Bebilderung der in Europa längst vollzogenen Durchdringung und Verflechtung der Kulturen und kulturellen Äußerungen.

Das Festival La Strada war von Beginn an interessiert an diesen künstlerischen Manifestationen im öffentlichen Raum, die Wahrnehmungen und Blickwinkel verändern und auf Metamorphosen reagieren – die die Stadt als Kulturraum nutzen – unmittelbar und barrierefrei. Der Dialog zwischen Vorstellungen im öffentlichen Raum und solchen in „geschlossenen Kulturräumen“ bildete von Anfang an ein Kernelement in der Ausrichtung und Philosophie von La Strada. Ziel war und ist es, neue Publikumsschichten in die Theaterhäuser zu bringen und vice versa gemeinsam mit den Künstlern und der Bevölkerung den „Kulturraum Stadt“ zurück zu erobern.

Gemeinsam mit den Künstlern, dem Publikum und den Kooperationspartnern hat sich das Festival La Strada über fast zwei Jahrzehnte weiterentwickelt. Die Generation jener Kinder, die La Strada in seiner Geburtsstunde miterlebt haben, sind heute erwachsen und für sie ist das Theater in den Straßen und auf den Plätzen ihrer Stadt zum Selbstverständnis geworden – ein fruchtbarer Nährboden, stetig neues Terrain zu erobern und weiter am Zusammenspiel zwischen Stadt, Künstlern und Publikum zu arbeiten.

Eines der vorrangigen Ziele für die Zukunft ist es, die Produktionsaktivität des Festivals zu stärken und weiter auszubauen. La Strada koproduziert seit vielen Jahren sowohl internationale als auch heimische Projekte und solche in wechselseitigem Austausch. Der produzierende Faktor von La Strada als unabdingbarer Bestandteil eines lebendigen Kulturfestivals hat sich in den letzten Jahren sukzessive entwickelt und der Anteil an internationalen Koproduktionen unter Einbindung der regionalen Szene gestaltet ein Drittel des Gesamtprogrammes. Dieses Grundprinzip verfolgt La Strada nun bereits seit mehreren Jahren. Das Festival fördert nicht nur die Entwicklung der Produktionen, es unterstützt heimische Künstler, diese in den europaweiten Festivalmarkt einzubinden.

So gilt Graz in Fachkreisen als eines der bedeutendsten europäischen Zentren zur Entwicklung von Projekten aus dem Bereich der Straßenkunst und des Neuen Zirkus, welcher seit einigen Jahren einen weiteren Schwerpunkt in der Programmgestaltung des Festivals La Strada bildet. Eines der obersten Ziele des Festivals ist es, dieses internationale „Creation Center“ auszubauen, zu etablieren und dort zu verorten, wo Bedarf an Entwicklungen ausgelotet werden kann – an einem „Emerging Space“ wie Graz Reininghaus.

Ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt in der Produktionsaktivität des Festival liegt in der Internationalisierungsarbeit und dem Ausbau und der Pflege von überregionalen Kontakten und Netzwerken. La Strada ist Initiator und Koorganisator des 2003 gegründeten und seither durchgehend von der Europäischen Kommission unterstützten, Netzwerkes IN SITU. Seit 14 Jahren begleiten wir Künstler bei der Entwicklung innovativer Projekte im öffentlichen Raum, bis dato wurden 180 Produktionen unterstützt. IN SITU ACT heißt das laufende Programm, dessen Förderung bis 2020  von der Europäischen Kommission beschlossen wurde und welches 26 Institutionen aus 17 Nationen vereint.