The Graz Vigil

Von der Poesie des Alltags und der Vielfalt des Lebens

La Strada tut im Kulturjahr 2020 und darüber hinaus das, was es schon seit vielen Jahren in seiner Verantwortung als Festival sieht. Für KünstlerInnen jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die sie zur Entwicklung innovativer Produktionen brauchen. Die mehrjährige Entwicklungsphasen vorsehen, Reflexion und konzentriertes Arbeiten an der Themen erst möglich machen, erlauben das Publikum immer wieder in Produktionsprozesse einzubinden. Und den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen lokalen und internationalen KünstlerInnen über das 2003 von La Strada mitbegründete Netzwerkes IN SITU zu fördern. Bis dato hat es über 200 KünstlerInnen bei der Entwicklung innovativer Kreationen im öffentlichen Raum unterstützt und gefördert.
Zwei Jahrzehnte der Weiterentwicklung liegen hinter uns. Die Generation jener Kinder, die La Strada in seiner Geburtsstunde miterlebt haben, sind heute erwachsen und für sie ist das Theater in den Straßen und auf den Plätzen ihrer Stadt zum Selbstverständnis geworden – ein fruchtbarer Nährboden, stetig neues Terrain zu erobern. Und sich temporär an Emerging Spaces niederzulassen. An im Umbruch befindlichen Orten wie Graz Reininghaus setzt das Festival seit Jahren gemeinsam mit KünstlerInnen, StadtplanerInnen und der Bevölkerung Transformationsprozesse in Gang. Community Art-Projekte spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die vielfältigen Lebensrealitäten der Menschen und die dahinter verborgenen Geschichten werden zur poetischen Grundlage der künstlerischen Produktionen.
Der Bevölkerung Partizipation auf Augenhöhe zu ermöglichen, den Grad der Mitgestaltung ihres Lebensraumes zu erhöhen und gemeinsam nach Antworten auf die Fragen möglicher Formen des Zusammenlebens zu finden – das alles sieht La Strada als Motor von Stadtentwicklung und Transformation. Prozesse, denen sich das Festival mit dem Projekten auf den Fokus auf Community Art verschrieben hat.
Es ist der Blick über den Tellerrand, dort wo es Spannendes und Neues zu entdecken gilt. In Stadtbezirken, in denen La Strada noch nie war. Oder in jenen, die sich gerade im Wandel befinden. Wie in Graz Reininghaus, wo wir seit 2006 mit Produktionen wie von KompleXKarphanäum die Geschichte des Ortes und der Menschen lebendig machen oder mit der französischen Compagnie Rara Woulib und dem Publikum bis in die Morgenstunden tanzen. Im historischen Herzen des neuen Stadtteils für 10.000 Menschen, in der historischen Tennenmälzerei, arbeiten wir an der Realisierung eines Kreationszentrums, das lokal verwurzelt, international ausstrahlt. Community & Creation Center für innovative Produktionen ist. Im Kulturjahr wir die Tennenmälzerei zu einem Ort der Imagination des (Un-)Möglichen. WHAT IF…? fragt nach dem, was gegenwärtig in Reininghaus vorzufinden ist, was wir bewahren wollen oder eben nicht und fragt nach der Meinung der vielen. Ein temporäres Versuchs- und Kreationslabor, das auch im öffentlichen Raum in einer temporären Architektur namens Das Dorf dieses imitiert und zur Open-Air-Bühne wird.
Die Kunst der Gemeinschaft im Blick, wird La Strada 2020 Projekte wie The Graz Vigil verwirklichen, die wir bereits seit vielen Jahren voller Leidenschaft und Einsatz vorbereiten. Auch dank der langjährigen Kooperationen wie mit der Technischen Universität Graz und der Unterstützung seitens behördlicher FachexpertInnen. Unter Beteiligung des Publikums, ohne die Community Art-Projekte wie dieses nicht möglich sind.
Auf unser österreichweites Netzwerk im Bereich des Neuen Zirkus greifen wir bei der Realisierung – des auch im Rahmen des Kulturjahres Graz 2020 geförderten Projektes – Leviathan zurück. Bei der europäischen Uraufführung im Rahmen der Eröfnung von La Strada am 24. Juli 2020 treffen die 18 Weltklasse-ArtistInnen der australischen Compagnie Circa Contemporary Circus auf 18 österreichische PerformerInnen. In einem sich über 6 bis 8 Wochen dauernden, intensiven Workshop gehen 2 teching-artists in intensiven Austausch mit jeweils sechs jungen AkrobatInnen, sechs zeitgenössischen TänzerInnen und sechs ArtistInnen aus dem Bereich Community Art. Was, das Publikum auf der Bühne der Grazer Oper erleben wird, ist eine bewegende Darbietung zeitgenössischer Zirkuskunst auf Spitzenniveau. Auf Basis von Hobbes Auseinandersetzung des Staatswesen und der Rolle des politischen Individuums ist Leviathan hochaktuell – und eine mögliche Antwort auf den wachsenden Fundamentalismus und die Regulierungen durch die Medien und die vorherrschende Meinung. Eine Antwort, die nur von einer Gemeinschaft im Dialog und auf Augenhöhe gefunden werden kann.
Die Lust am Entdecken neuer Perspektiven, Ausloten großer Themen unserer Zeit, und an der Suche nach künstlerisch zeitgemäßen Ausdrucksformen – unser Antrieb. Der Blick auf Fragen des Zusammenlebens und den Möglichkeiten gemeinsam mit Ihnen, liebes Publikum, diese über künstlerische Kreationsprozesse zum Ausdruck zu bringen – unsere Zukunft.
Werner Schrempf
künstlerischer Leiter, La Strada Graz