Kultur bleibt nicht stehen! Ein Festival in vier Sätzen.

„Die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts hat sehr, sehr gute Arbeit geleistet. Welche Arbeit?
Die Augen der Leute zu öffnen.
Was hätte man da Besseres machen können?

Aber jetzt müssen wir unsere Aufmerksamkeit
anderen Dingen zuwenden, und diese Dinge sind sozial.“

John Cage

Es ist viel gesagt und geschrieben worden über den Stellenwert der Kunst in Zeiten der Krise und über die plötzliche und unerwartete Schaffenskraft der Künstler unter widrigen Umständen. Folgendes scheint mir in meiner Funktion als künstlerischer Leiter, als „Intendant“ eines international agierenden Festivals wesentlich – und ich möchte es hier wörtlich nehmen: lat. intendere „einen Weg einschlagen, sich in eine Richtung wenden“ – den Faden also wieder aufnehmen, die verstreuten Perlen unseres internationalen Programms einsammeln, um sie neu aufzufädeln!

Nach vielen intensiven und oft sehr berührenden Gesprächen mit den KünstlerInnen, unseren KollegInnen verteilt über den gesamten Globus und mit unseren PartnerInnen aus Österreich, der Steiermark und Graz, habe ich vorgeschlagen und gemeinsam mit meinem Team entschieden, einen neuen Weg zu gehen, behutsam Schritt für Schritt, umsichtig und verantwortungsvoll, aber stets in der Gewissheit, dass jede Form von Aktivität sich in dieser Situation richtiger anfühlen wird als der Stillstand.

Wir wollen den richtigen Takt finden, eine Choreografie entwickeln, die uns hilft, unseren Lebensraum Stück für Stück wieder zu finden – der Pandemie den Weg weisen, sie hinausbegleiten aus unserem Leben. Wer sollte dies wagen, wenn nicht ein Festival, dem der öffentliche Raum als Aktionsfläche dient? Mit gebührendem Respekt selbstverständlich. Mit ausreichend Abstand. Mit Verstand und ganzem Mut des Herzens.

Gemeinsam haben wir uns in den letzten Wochen auf eine Spurensuche begeben, wie ein vielfältiges kulturelles Leben in der aktuellen Situation möglich bleibt, wie wir Hoffnung und Zuversicht unterstützen, soziales Miteinander begleiten und wie wir Kontakt halten mit unseren KollegInnen in Österreich, in Europa und der Welt – wie wir diesen Prozess mit den Menschen in unserer Stadt teilen. Also die ureigenste Aufgabe von Kunst und Kultur erledigen: Für komplexe Probleme in interdisziplinären Prozessen gute Antworten zu finden. Die Community-Art-Projekte, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt und realisiert werden, rücken dabei ganz besonders in den Fokus.

Es ist ein Weg gefunden – gemeinsam mit den KünstlerInnen konnten wir ein spannendes Konzept erfinden, welches für ein ganz besonderes Festival (unter Einhaltung aller jeweils geltenden Bestimmungen) steht und welches wir auf den folgenden Seiten vorstellen. Es ist ein Weg, der von unseren internationalen Netzwerkpartnern und Festivalkollegen als durchaus beispielgebend und inspirierend reflektiert und zitiert wird.

Unser Ziel ist es natürlich, möglichst viele Produktionen des geplanten Programmes in diesem Jahr zeigen zu können. Die Vorbereitungen laufen ja seit vielen Monaten und der Spielplan war zu Beginn der Krise bereits abgeschlossen. Er umfasste 26 Projekte von Künstlergruppen aus 12 verschiedenen Nationen, darunter viele Community-Art Projekte unter Beteiligung lokaler KünstlerInnen und der Grazer Bevölkerung.

Der erste Schritt war es, den diesjährigen Festivalzeitraum auf das gesamte Kalenderjahr zu erweitern. Begonnen hat La Strada 2020 ja bereits am 1. Januar, enden wird es mit der letzten Sonnenstunde des 31. Dezember. Und zwar mit dem Projekt „The Graz Vigil“ am Schlossberg, eine „Choreografie für eine ganze Stadt“ der australisch/belgischen Künstlerin Joanne Leighton, die wir seit einigen Jahren vorbereitet haben, in Zusammenarbeit mit Graz Kulturjahr 2020 realisieren konnten und welche seit Jahresbeginn ohne Unterbrechung läuft.

Im zweiten Schritt sind wir mit sehr geschätzten, vorwiegend heimischen, Komponisten, Musikern und Choreografen in Kontakt getreten, um gemeinsam für den ursprünglichen Zeitraum des Festivals Ende Juli, Anfang August künstlerische Formate zu ersinnen, die installativ-performativen Charakter haben – Formate, die in dieser Phase im Sommer die Stadt und ihren öffentlichen Raum durchwirken ohne Publikum aktiv an bestimmten Orten zu versammeln. Und es ist gelungen, innerhalb nur weniger Wochen ein ungeheuer spannendes Programm zu erarbeiten, welches den Menschen ihre Kulturstadt Stück für Stück zurück geben kann und diese dabei auch selbst zu Akteuren macht. Ich freue mich sehr, dieses – speziell für die gegenwärtige Situation und diesen Festivalzeitraum konzipierte – Programm mit Künstlerfreunden umzusetzen, deren gesamte internationale Engagements bis weit in den Herbst oder sogar bis in nächste Jahr hinein verschoben oder ganz abgesagt wurden.

Für die dritte Phase des Festivals haben wir ein Zeitfenster in der letzten August- und der ersten Septemberwoche vor Schulbeginn aufgemacht. Hier werden nun jene geplanten Outdoor-Theater-Produktionen gezeigt, die es möglich machen, die Anzahl der Zuseher zu reglementieren – die Vorstellungsfrequenz wird entsprechend erhöht. Einige wenige Produktionen mussten wir auf Grund der Vorstellungsdimension und der zu erwartenden Unsicherheiten im internationalen Reiseverkehr auf die nächstjährige Ausgabe von La Strada verschieben.

Ausgehend von diesem feinen Theaterschwerpunkt werden wir bis in den Herbst hinein über 5 Fokuswochenenden das Projekt „What if…?“ innerhalb des Kulturjahres 2020 in Graz Reininghaus umsetzen. Auch dieses Konzept involviert zahlreiche heimische KünstlerInnen und die lokale Community.
Es schien uns naheliegend, das Programm in Analogie zum Aufbau einer Symphonie in vier Sätze zu gliedern – nur alle Sätze gemeinsam bilden das Ganze.
Voll Zuversicht und Vorfreude.

Herzlichst! Für das Team von La Strada Graz
Werner Schrempf
Intendant

© Ingrid Enge