Nehmen wir’s ernst, mit Humor!

La Strada 2020, das war ein Abenteuer. Wir haben Raum geschaffen für Reflexionen auf die massiven Einschränkungen unserer gewohnten Lebenskultur. Der Zusammenhalt mit den Künstler*innen, unseren Partner*innen und dem Publikum hat uns bestärkt und wir konnten viele Erfahrungen in diesem speziellen Jahr sammeln, die wir nicht missen wollen. Nun hoffen wir, dass das Leben Stück für Stück in gewohnte Bahnen kommt und die Künstlerinnen und Künstler sich wieder frei entfalten können.

Für La Strada 2021 haben wir ein Programm vorbereitet, das sich in vielfältiger, subtiler und durchaus humorvoller Weise den Themen in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels und beträchtlicher Veränderungsprozesse in ganz Europa widmet. Es sind jene Schwerpunkte, auf welche sich auch unser internationales Netzwerk IN SITU in seinem neuen, vierjährigen Projekt UnCommon Spaces von 2020–2024 fokussieren wird. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und sozio-kulturellen Konstrukten, mit Vielfalt, sozialer Gerechtigkeit, kultureller Identität oder den Allianzen zwischen Generationen, sind Leitthemen – ebenso wie die gravierenden Veränderungen unserer Umwelt und unserer Lebensräume. 

Große Krisen und daraus resultierende kollektive Ängste bilden den Nährboden für Rechtspopulismus und Radikalismus. Dass Faschismus durch die Angst wächst, die er erzeugt und das beste Gegenmittel gegen diese Angst der Sinn für Humor ist, beweist einer der größten „Clowns“ unserer Zeit – der legendäre Leo Bassi eröffnet das Festival La Strada 2021 mit seiner außergewöhnlichen Soloperformance Me Mussolini auf der Bühne des Orpheum Graz und parallel dazu setzen die Künstler*innen der Compagnie Rhizome in der Grazer Innenstadt mit ihrer sensiblen tänzerisch-artistischen Performance La Spire den Auftakt im öffentlichen Raum. 

Das künstlerische Durchmessen des urbanen Raumes und der Blick auf Transformationsprozesse in städtischen Kern- wie auch Entwicklungszonen ist für La Strada seit vielen Jahren von besonderem Interesse. Die Artisten der Cie XY etwa infiltrieren gemeinsam mit über 30 heimischen Darsteller*innen und Sänger*innen die Stadt mit wundersamen und unerwarteten Begegnungen – Les Voyages ist ein Beitrag von La Strada im in die Verlängerung gegangenen Kulturjahr. Darüber hinaus geht auch das Projekt The Graz Vigil in seine zweite Phase. In einer Ausstellung und begleitenden Publikation werden die Aufzeichnungen der über 700 Vigils, die im vergangenen Jahr jeden Tag zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang über Graz gewacht haben, aufgearbeitet und die Besucher*innen können nochmals eintauchen in dieses außergewöhnliche Projekt, das in Kooperation mit WLDN/Joanne Leighton und Graz Kulturjahr 2020 zur Umsetzung gelangte.

Das Leitprojekt des diesjährigen Festivals La Strada geht in die Region. SIGNAL AM DACHSTEIN, eine Koproduktion mit dem niederländischen Künstlerduo Strijbos & Van Rijswijk, dem Netzwerk IN SITU und dem Festival der Regionen Oberösterreich wird sich in sensibler künstlerischer Weise mit dem Verhältnis von Mensch und Natur auseinandersetzen und den Gletscher des Dachsteins ins Zentrum der Wahrnehmung rücken. Die Raumklang-Installation der beiden niederländischen Komponisten Jeroen Strijbos und Rob van Rijswijk bindet die lokale Community in den künstlerischen Gestaltungsprozess ein, basierend und bezugnehmend auf die kulturelle Identität der regionalen Bewohner*innen. Das Projekt wird seit mehreren Jahren vorbereitet und bricht das Festival La Strada in zeitlicher und geografischer Sicht auf. Es ist bewusst zu einem ganz besonderen Zeitpunkt einen Monat vor der Festivalwoche gesetzt. Zu Sonnenaufgang. Zur Sommersonnenwende am 20. Juni 2021. 

Und schließlich wird La Strada den längst ersehnten Momenten Raum bieten: dem Verweilen mit Freunden, dem Lachen, dem Staunen, der Musik, vielleicht auch dem Tanz …

Wir freuen uns auf diese gemeinsamen Momente
Werner Schrempf, Intendant

Graz, im April 2021